Righting All Wrongs

27 Mai

Warum Sudbury? Während ich noch daran arbeite, die wichtigeren meiner Gründe in wohlgesetzte Worte zu fassen, gebe ich zunächst der Jefferson Sudbury School hier den Vortritt.

Jefferson Sudbury School

wash-cr-delaware
At JSS and all other Sudbury schools, we are in the process of righting all wrongs — all wrongs in education that is.

These wrongs are:

  1. coercion
  2. grades
  3. homework
  4. killing childhood
  5. busywork
  6. a rather arbitrarily selected curriculum which nevertheless is presented as carefully vetted
  7. creating the illusion of learning where there is little
  8. breaking the spirit of our youth
  9. making obedient subjects instead of free citizens
  10. criminalizing a portion of our nation’s young
  11. denying children and adolescents an opportunity to deal with their problems. grow, and mature
  12. overworking teachers which in turn negatively affects their students
  13. stressing parents over non-issues
  14. labelling kids with all sorts of negative (and often false) labels
  15. steering kids into bad career choices

We right these by:

  1. setting children free
  2. allowing them to learn what really matters
  3. allowing them to practice democracy and pluralism
  4. not coercing them away from a love of learning
  5. doing away with…

Ursprünglichen Post anzeigen 104 weitere Wörter

MORO – ein bewohnbarer Planet?

15 Feb

Letztens nahm ich teil an einem Treffen der AG „Naturnah Lernen“, die Teil des MORO Programms im Amt Peenetal/Loitz ist. MORO steht für „Modellvorhaben Raumordnung“, und ist einer von zahlreichen Versuchen, der demografischen Herausforderung politisch zu begegnen.

Diese Herausforderung besteht, leicht vereinfacht, im Wegzug vor allem junger, gut ausgebildeter, weiblicher Menschen aus dem ländlichen Raum.

Einige Folgen der Abwanderung:

  • ein relativ hohes durchschnittliches Alter der zurückbleibenden Bevölkerung,
  • eine relativ hohe Zahl staatlicher Transferleistungen zum Unterhalt gering oder gar nicht qualifizierter Einwohner,
  • eine in Bezug auf den bundesdeutschen Durchschnitt noch geringere Geburtenrate – aufgrund der Altersstruktur einerseits, und andererseits in einer Frauen-Männer Ratio von etwa 80:100 begründet,
  • und nicht zuletzt, nach meiner persönlichen Überzeugung, eine hohe und unter jungen, womöglich sexuell frustrierten, erfolglosen Männern zunehmende Attraktion von Nazibanden.

Die Projektbeschreibung suggeriert eine grassroots Methode: die Arbeitsgruppen stehen jedem, ohne Nachweis einer Qualifikation oder Aufenthaltsberechtigung offen, und an der Basis der Entwicklung eines sogenannten Masterplans.

Ein Amtsausschuss ist für die Strategische Absicherung zuständig; die Bürgermeister der beteiligten Städte und Gemeinden für Operative Steuerung und strategische Vorplanung; es gibt einen fachlichen Beirat unter Beteiligung des Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung, anderen Amtsverwaltungen und der Universität Neubrandenburg (es wird wohl die Fachhochschule gemeint sein); auch für ein Moro-Projektmanagement und wissenschaftliche Begleitung ist gesorgt. Es macht durchaus den Eindruck, als hätten sich gut bezahlte PR-Designer professionelle Gedanken zur Präsentation des MORO-Programms gemacht.

Daß die Arbeitsgruppen aber tatsächlich irgendwelche Entscheidungsbefugnisse hätten, ist offenbar nicht vorgesehen.

Kurz: die aufwendige Präsentation des MORO-Verfahrens dient vornehmlich dem Zweck, die Tatsache, dass die Entscheidungen in unveränderter Weise weitgehend von nicht rechenschaftspflichtigen, nicht gewählten, bezahlten Verwaltungsbürokraten getroffen werden, zu verschleiern – vergleichbar der Auskunft von Zaphod Beeblebrox, aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, der Präsident der Galaxis besäße gar keine Macht, sondern nur die Aufgabe, von ihr abzulenken.

Auch diese Vorgehensweise, die im Namen einer viel strapazierten Bürgerbeteiligung den Ideenpool kreativer Freiwilliger kostenlos und unverbindlich anzapft, diese aber ansonsten am ausgestreckten Arm mit ein paar Brotkrumen ruhigzustellen gedenkt, hat ja zu einer weitverbreiten und -beklagten Politikverdrossenheit geführt. Das Gefühl, in einer als existenzbedrohend empfundenen Lage keine relevante Handlungsmacht zu besitzen, selbst etwas daran zu ändern, veranlasst weiterhin Menschen, ihr Glück anderswo zu suchen.

In meinem Beitrag zu der AG Naturnah Lernen wies ich darauf hin. Ich schlug vor, die herrschende (und allgemein anerkannte) Not als Chance anzunehmen, die Demokratische Kultur des Zusammenlebens im Amt Peenetal/Loitz weiterzuentwickeln. Ich skizzierte eine Zukunft, in der die Einwohner, ungeachtet ihres Alters, Aufenthaltsstatus, usw. über ihr Leben selbst bestimmen und über ihr Zusammenleben gleichberechtigt mitbestimmen.

Konkret sieht mein Vorschlag für das Amt mit seiner Verwaltung unter anderem folgende Aufgaben vor:

  • die Ressourcen des Amtes der Allgemeinheit freigeben
  • seine Sachkunde und Fachkenntnisse zur Verfügung stellen
  • sich im Land und im Bund einsetzen für Ausnahmeregelungen und Außer-Kraft-Setzungen, wenn vorhandene Vorschriften der Gleichberechtigung der Einwohner entgegen stehen
  • verzichten auf Kontrollen und unangefragte Verwaltungsakte, so lange nicht unmittelbar Freiheitsrechte gefährdet sind
  • mit den vorhandenen Mitteln eher Menschen mit innovativen Ideen fördern (zuungunsten von Infrastrukturförderung)
  • mitwirken bei der Aquise weiterer (Förder-)Mittel
  • Anwalt von Benachteiligten sein

Man gab mir zu verstehen, die Bürger müssten abgeholt werden (noch so eine viel strapazierte Floskel) – was ich vorschlage sei zu weit entfernt. Das Missverständnis war wohl die Annahme, mir ginge es um Alle machen mit – wobei auch immer. Es geht aber um Alle machen was sie wollen, in den Grenzen die die Ermöglichung dieser Freiheit für Alle bedingen.

Moron ist englisch und heisst soviel wie Idiot.

Der bescheuertste -ismus

25 Nov

Mal ganz ehrlich: würdest Du ein T-shirt tragen mit der Aufschrift: „Ich profitiere vom Adultismus“?

Ok ok, das wirft wohl ein paar Fragen auf.

Letztens in Südafrika. Zwei weisse Südafrikaner, Roger Young und Leonard Shapiro, bedrucken T-shirts „I benefited from apartheid“, und bieten sie auf einer Kunstausstellung mit dem Hinweis „Free T-shirts, whites only“ an. Die spontane Aktion entfacht eine heftige Debatte über Schuld und Verantwortung, Rassismus und Apartheid – 18 Jahre nach dem offiziellen Ende der ‚Rassentrennung‘ in Südafrika. Der Zeichner Zapiro, der bereits mit einem Cartoon – ein leerer Rahmen mit der Überschrift „Whites who never benefited from apartheid“ – hässliche Kommentare rassistischer Apartheid-Profiteure erntete, unterstützte die T-shirt Initiative:

Jede weisse Person, selbst die sich gegen die Apartheid engagierte, profitierte von der Apartheid.

Das Unrecht der Apartheid ist längst nicht überwunden, und die Auseinandersetzung daher unvermeidlich – doch warum fällt es uns so schwer, die Machtverhältnisse, von denen wir profitieren, als solche zu benennen? Einige Weisse sollen bereits mit diesem T-shirt gesehen worden sein…

Nun muss man sich nicht wundern, wenn Leute, denen man lange genug Demokratie vor(ent)hält, es auch einmal selbst ausprobieren wollen.

Ricardo Semler, Vorstand der brasilianischen Firma Semco bemerkt lakonisch:

Wir schicken unsere Söhne in die Welt, um für die Demokratie zu sterben.

Und doch sind Firmen, auch in den demokratisch verfassten Ländern, überwiegend autokratisch organisiert.

Als Ricardo Semler die Firma Semco in den 1970er Jahren von seinem Vater übernahm, befand sich die brasilianische Schiffbauindustrie – und seine Firma als Zulieferer – in der Krise. Semler blieb gar nichts anderes übrig, als weitgehende Veränderungen bei Semco zu organisieren. Nach mehreren Jahren einer Rosskur, als Semco wieder profitabel wirtschaftete, während die Mitarbeiter unglücklich waren, brach Semler unter dem Stress zusammen. Er erkannte, dass er so nicht leben wollte – und nahm an, seine Mitarbeiter ebensowenig.

Der Abbau von Hierarchien und Titeln, weitgehende Partizipation (nicht bloss Konsultation!) der Mitarbeiter, demokratische Entscheidungsprinzipien, eigenverantwortliche freie Einteilung der Arbeitszeit und Entscheidung über das eigene Gehalt, freie Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes, Einstellung von Mitarbeitern durch die zukünftigen Kollegen, regelmässige Beurteilung der Manager durch die Arbeiter, Transparenz in Geschäftsangelegenheiten bei gleichzeitig konsequentem Schutz der Privatsphäre, etc. – war dabei durchaus nicht von vorne herein geplant.

Ricardo Semler stellte eherne Regeln des Management in Frage, um Antworten zu finden, die Zufriedenheit der Mitarbeiter und den Ertrag der Firma zu steigern.

Arbeiter sind erwachsen – aber Unternehmen verwandeln sie in Kinder sobald sie die Werkstore durchschreiten. Sie zwingen sie, Namensschilder zu tragen, für das Mittagessen anzustehen, den Vorarbeiter um Erlaubnis zu fragen zur Toilette gehen zu dürfen , ein ärztliches Attest vorzuweisen wenn sie krank waren, und blind Anweisungen zu folgen ohne Fragen zu stellen.

Er entschied, seine Mitarbeiter nicht mehr wie Kinder zu behandeln. Er beschloss, Kontrolle durch Vertrauen zu ersetzen. Er führte, Schritt für Schritt, Demokratie und Selbstbestimmung bei Semco ein. Heute ist Semco ein florierendes Unternehmen mit 3000 zufriedenen Angestellten und einer Warteliste von 2000 Leuten, die – egal in welcher Position, Hauptsache – mit Semco arbeiten wollen. Und bei jenen Entscheidungen, die alle betreffen, ist Ricardo Semlers Stimme eine von 3000.

Einige der Schwierigkeiten, die Semco auf dem Weg hatte, rühren Semlers Überzeugung nach daher, dass Erwachsene von Kindheit an daran gewohnt sind, entmündigt zu werden. Das Bildungssystem war bisher nicht in der Lage gewesen, Menschen dazu zu verhelfen, ihre Rolle im Beruf, im Leben und in der Gesellschaft kompetent, autonom und verantwortlich auszufüllen.

Um in Zukunft leichter Kollaborateure für seine Unternehmungen zu finden, die keine Angst haben, eigene Entscheidungen zu treffen, begann Ricardo Semler 2003 damit, das Semco-System auf Schulen anzuwenden, von denen heute 3 existieren. Escolas Lumiar sind die ersten Demokratischen Schulen in Brasilien.

Erwin Wagenhofer, nachdem er „Feed The World“ und „Let’s Make Money“ gedreht hat, fragte sich nach dem Ursprung der von ihm in diesen Filmen aufgezeigten Fehlentwicklungen und Verwerfungen. Und, wie er auf der website http://www.alphabet-derfilm.at/ schreibt, ist die Antwort bereits bekannt:

Es liegt daran, wie wir auf dieses Leben vorbereitet werden, wie wir erzogen, sozialisiert und letztlich gebildet werden, mit anderen Worten, welches »Alphabet« wir übergestülpt bekommen, mit dem wir dann ausgerüstet auf und in die Welt losgehen.

In seinem Film mit dem Arbeitstitel „Alphabet“, der im Frühjahr 2013 in den Kinos anlaufen soll, untersucht er, was uns in die Lage versetzen könnte, den weltweit herrschenden drängenden Problemen zu begegnen – und rückt die Bildung in den Mittelpunkt.

Nach seiner Auffassung ist die vorherrschende Bildungskonzeption Ursache der Missstände, während eine andere Bildungslandschaft den Mut, die Kraft, die Kreativität für die Lösung der Probleme freisetzen könnte.

So, liebe Kinder: jetzt hört mal weg, wenn Erwachsene miteinander sprechen!

Also unter uns: In welcher Weise profitieren wir vom „Adultismus“ – von der Macht, die Erwachsene über Kinder haben? Hand aufs Herz: würdest Du ein T-shirt tragen mit der Aufschrift: „Ich profitiere vom Adultismus“?

Unbeschreiblich!

14 Nov

Unbeschreiblich: und in jedem Fall besser, selbst zu erleben wird der Besuch von Monika Wernz sein, die am 1. Dezember ins Koeppenhaus kommt. Ich erlaube mir, sie hier nochmal (obwohl Du es gleich unten auf dem Plakat auch lesen kannst) zu zitieren:

Ich begab mich auf eine innere Reise. Eine Reise zu mehr Freiheit,
Verantwortung, Vertrauen und Selbstentfaltung in meinem Leben.

Warum? Naja, manchmal habe ich den Eindruck, wir denken bei den Stichworten Bildung, Lernen, Schule selten an uns selbst, vielmehr an Kinder, für die wir eine bessere Welt zu schaffen hätten. Es erscheint oftmals soviel leichter, die Probleme anderer Leute zu lösen.

Doch es geht um Dich. Und Dich. Und mich. Darum, dass wir dieselben Menschen sind, die wir als Kinder waren oder sein durften, und was wir heute daraus machen.

Herzlich Willkommen zu einer weiteren Bildungsreise der Initiative „Leben ist Lernen“!

Unbeschreiblich: Die Veranstaltung mit André Stern am 4. November. Wie bedaure ich es, nicht dafür Sorge getragen zu haben, dass mehr Menschen von dieser Gelegenheit erfahren haben. Auch, dass viele derjenigen, die Bescheid wussten, nicht kamen, tut mir wirklich leid.

Es ging am 4. November nämlich gar nicht im wesentlichen um Fakten, die leicht sonstwie in Erfahrung gebracht werden können. Skeptiker werden sich aber nicht davon abbringen lassen, dass Andrés Persönlichkeit – seine seltene Kombination aus Selbstvertrauen und Bescheidenheit, kindlicher Neugier und reifem Urteilsvermögen, Charme ohne Einbildung, Authorität ohne Arroganz – allein der Tatsache zuzurechnen ist, dass er

  • Franzose
  • Sohn von Arno Stern
  • eine Ausnahme
  • hochbegabt

ist, oder einfach

  • Glück gehabt hat.

Ja, und dieses letzte trifft es dann tatsächlich auch. André Stern sagt selbst, er habe Glück gehabt – und zwar, in seinem Fall, nie in die Schule gegangen zu sein. Was so ein Glücksfall zu bewirken vermag, persönlich zu erleben, lässt sich durch keine Beschreibung ersetzen.

Unbeschreiblich: mein Besuch an der Ting-Schule in Berlin. Immerhin wurde mir ein Portrait des Tinguin überlassen – und heisst es nicht: ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Aber wisst Ihr was? Macht Euch doch einfach selbst ein Bild! Z. B. am 8. Dezember von 15:00 – 17:00 Uhr, dem nächsten Tag der offenen Tür.

Auf ihrer website zitieren sie Ellen Key (1849-1926), aus „Das Jahrhundert des Kindes“ – die Ting-Schule ist nur eine von vielen, die sich dieser Textstelle bedienen, vielleicht aber eine von ganz wenigen, die das auch dürfen:

Die Zeit ruft nach „Persönlichkeiten“, aber sie wird vergebens rufen, bis wir die Kinder als Persönlichkeiten leben und lernen lassen; ihnen gestatten, einen eigenen Willen zu haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, sich eigene Erkenntnisse zu erarbeiten, sich eigene Urteile zu bilden; bis wir mit einem Worte aufhören, in den Schulen die Rohstoffe der Persönlichkeiten zu ersticken, denen wir dann vergebens im Leben zu begegnen hoffen.

Zu guterletzt die allerbesten Empfehlungen für folgende Veranstaltung:

Bildung neu gedacht. „Trust your child!“ – am 3. Dezember um 20:00 Uhr

Vortrag von Peter Gray, Psychologieprofessor aus Boston und Autor des Blog freedom to learn,

im Haus der Demokratie und Menschenrechte,

Greifswalder Str. 4, 10405 BerlinVeranstalter: Verein zur Förderung des Sudbury-Schulmodells e.V

Frankreich?

24 Okt

Am 4. November wagen wir wiederum einen Blick über Grenzen: diesmal auf das benachbarte Frankreich. Bildungslandschaften, wie wir sie uns am 6. Oktober ausgemalt haben, gibt es – soweit ich weiss – auch in Frankreich noch nicht. Als junger Mensch die Schule nicht zu besuchen, ist aber möglich, denn es gibt dort keine Schulpflicht.

(Interessant, dass die hierzu gemachten Angaben widersprüchlich sind, wie eine einfache Stichprobe mit google ergibt)

Am 4. November erfahren wir auch etwas über Familie Stern – André Sterns Herkunftsfamilie. Michèle und Arno Stern ermöglichten es nämlich ihrem Sohn André, ohne Schule aufzuwachsen.

Was bewegte sie, diesen – durchaus auch in Frankreich ungewöhnlichen, wenn auch eben nicht illegalen – Weg zu wählen? Ihnen war bewusst, dass

  • im Vergleich aller Faktoren, welche ihr Leben bestimmen, das Zusammenleben mit ihren Kindern der Entscheidende ist
  • niemand sonst ihre Kinder liebt, wie sie es tun
  • erst Freiheit ihren Kindern die ganze Entfaltung ihres Potentials ermöglicht
  • es also ihre Verantwortung ist, ihren Kindern das Vertrauen entgegen zu bringen, sie ihre Entscheidungen selbst treffen zu lassen – und sie dabei zu unterstützen.

André Stern kommt zu uns nach Greifswald aus Berlin:

für Geniesser*

5 Okt

Den Glauben, das gesellschaftliche Zusammenleben könne durch Institutionen besser organisiert werden, denunziert Ivan Illich in Entschulung der Gesellschaft als »Instititutionalisierung von Werten«. Indem beispielsweise Gesundheit abhängig wird vom Gesundheitssystem, persönliche  Sicherheit von Polizeischutz, Bildung von Schulen, werden immaterielle Bedürfnisse umgewandelt zu Konsum von Waren.

Unsere Gesellschaft erschwert so den meisten jungen Leuten einen ungehinderten Zugang zu den Geheimnissen der Welt der Erwachsenen. Stattdessen wird verlangt, ein Labyrinth von offiziell anerkannten Lizenzierungs- und Trainingsinstititutionen zu durchlaufen, damit sie die nötigen Voraussetzungen besitzen, ihre persönlichen Träume erfüllen zu können. Man muss Qualifikationen erwerben.

Dadurch wird »Bildung« heimtückisch. Chris Mercogliano in Making It Up as We Go Along – the story of the Albany free school vergleicht den Vorgang mit der Zubereitung eines Hummers, der lebend in einen Topf kaltes Wasser gesetzt wird, der auf einer Flamme steht. Der arme Hummer gewöhnt sich daran und ist sich dessen gar nicht gewahr, dass er gekocht wird. Als Kinder – lange bevor wir das Bewusstsein hätten, effektiv dagegen vorzugehen – werden wir zur Schule zwangsverpflichtet. Erwachsen geben wir diese Tradition automatisch – und ohne die Institutionalisierung unseres Lernbedürfnisses zu hinterfragen – an unsere Kinder weiter.

Bei aller Sympathie für Hummer: lasst uns nicht wie sie sein! (Naja, um ihnen gerecht zu werden muss vielleicht betont werden, dass Kochtöpfe nicht ihr natürliches Habitat sind…..)

*für Geniesser hat bereits in einem Kommentar zu Landgang Ivan Illich gewürdigt

Bildungslandschaften überall

4 Okt

Gibt man Bildungslandschaften bei google ein, kann leicht der Eindruck entstehen, Bildungslandschaften seien bereits überall im Entstehen begriffen.Sogar in Deutschland: in Arnsberg, Forchheim, Groß-Gerau, Hamburg, Jena, Lübeck, Mühlhausen, Berlin, Paderborn, Leipzig, Rostock, Saalfeld, Dingelstädt und im Landkreis Altenburger Land, sowie vermutlich noch zahllosen weiteren Orten in diesem Land werden die Möglichkeiten der Realisierung von Bildungslandschaften geprüft. Bildungslandschaften stehen auf der Agenda von Kinder-, Jugend-, und Bildungsstiftungen, Forschungsinstituten, Jugend- und Schulämtern. Sogar Deutschlands Hirnforscher und Schulkritiker Superstar Gerald Hüther engagiert sich in Thüringen im Projekt »Nelecom« für Bildungslandschaften. Alles supi also? Grund zur Freude?

Gemeinsam scheint den meisten Überlegungen:

Beschränkung – Kinder und Schule als Ausgangspunkt aller Überlegungen: Bildung findet an Kindern und Jugendlichen statt. Schule – gerne ganztags – steht wie ein Naturgesetz im Zentrum dieses Entwurfs.

Paternalismus – Bildung wird vermittelt, Kindern und Jugendlichen wird allenfalls Mit- nicht jedoch Selbstbestimmung gewährt. Demokratische Gleichberechtigung und die Idee von Selbstwirksamkeit scheint in diesen Konzepten kaum eine Rolle zu spielen.

Kontrolle – Bei der Zusammenlegung von Ämtern und der amtlichen Kooperation mit freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe geht es nicht zuletzt auch um den Zugriff auf »bildungsferne Schichten«. Gewaltprävention, indem besonders Jugendliche an die »kurze Leine« genommen werden (jede Form der Bildung, und sei sie noch so informell, wird begleitet und evaluiert), ohne die Ursachen wie Ohnmacht und Hilflosigkeit ernsthaft zu betrachten.

Ganz allgemein entsteht der Eindruck, als wüssten (wieder einmal) Erwachsene – Pädagogen, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Sozialarbeiter, Technokraten – Bescheid, und jetzt muss das Ganze nur noch in den Köpfen und Körpern der Kinder implementiert werden. Ich bin skeptisch.

Grossvater John’s Verzeichnis wirklicher Bildung

3 Okt

John Taylor Gatto hat in seinem Buch Weapons of mass instruction, das bisher leider nicht ins Deutsche übertragen wurde, für seine Enkeltochter aufgeschrieben, worin seiner Ansicht nach wirkliche Bildung besteht.

Ich hoffe, seinem reichen und überaus differenzierten Ausdruck nicht allzu sehr Unrecht getan zu haben, indem ich seinen Learning Index zu übersetzen versucht habe:

  1. Selbsterkenntnis: Dies ist der größte Preis von allen. Ohne Selbsterkenntnis bist du verloren und wirst wieder und wieder durchs Leben taumeln. Mittlerweile solltest du genügend Einsicht in deinen eigenen Charakter gewonnen haben: seine Neigungen, Stärken, Schwächen, Segnungen, Flüche. Wieviel Hilfestellung hat dir deine Schule gewährt, dies zu schaffen?
  2. Beobachtung: Deine Gaben der Beobachtung in jeder Situation sollten rasiermesserscharf sein; du solltest die Fähigkeit besitzen, nach Gutdünken objektiv wie eine Kamera oder ein Diktiergerät zu funktionieren, um präzise Daten für spätere Analyse zu sammeln. Kannst du die Primärquellen jeglichen Alters und Ortes „lesen“? Oder musst du jemand anderes Erklärung für bare Münze nehmen?
  3. Rückkopplung: Bist du leidenschaftslos darauf trainiert, Hinweise über dich selbst den Reaktionen anderer und aus den Signalen der Umgebung zu entnehmen? Tust du dich schwer damit, Kritik anzunehmen und ihren Wert anzuerkennen? Verlässt du dich darauf, dass Testergebnisse und Bewertungen von Lehrern die Sterne sind, nach denen du steuerst, wirst du einen Schock erleben, wenn du die fehlenden Übereinstimmungen zwischen dem, was dir beigebracht wurde zu denken und der Realität entdeckst.
  4. Analyse: Kannst du ein neues Problem in seine strukturellen und ablaufmässigen Elemente aufschlüsseln, ihre Beziehungen miteinander beurteilen, wesentliche äussere Einflüsse abschätzen – und das alles ohne die Hilfe durch Experten?
  5. Spiegelung: Hast du gelernt, jeder andere genauso wie du selbst zu sein? Kannst du nach Gutdünken ein Chamäleon sein? Oder bist du in deiner Haut gefangen, wie der ‚kleine Mann‘ es ist? Kannst du ein Fisch im Wasser jeder Gruppe sein, hinein und hinaus schwimmen, wie es dir gefällt, sogar wenn es deine Feinde sind, aber dabei du selbst bleiben?
  6. Ausdruck: Hast du eine eigene Stimme? Kannst du ihr mit Klarheit, Stil und Macht Ausdruck verleihen – in Schrift und Rede? Ohne diese wird deine Fähigkeit, Verbündete zu gewinnen, schwach sein, und wahrscheinlich wirst du übervorteilt werden von jemandem, dessen Ausdrucksweise deiner überlegen ist.
  7. Urteilsvermögen: Kannst du leidenschaftslos Einschätzungen treffen? Kannst du Falschheit durchschauen? Die Gesellschaft, die du betrittst, ist ein Spiegelkabinett; was du siehst und wem du begegnest wird nur selten sein, wie es erscheint. Die attraktivsten Persönlichkeiten sind ausnahmslos unaufrichtig. Welche Chance hast du gehabt, Urteilsfähigkeit zu entwickeln und auszuprobieren?
  8. Einen wertvollen Beitrag leisten: Bereicherst du jede Begegnung, jede Gruppe, an der du teilnimmst? Weisst du überhaupt, was das bedeutet? Wenn du anderen nicht irgendetwas bedeutest, dann bist du tatsächlich wertlos. Das sagte Kurt Vonnegut in einem seiner Bücher, ich denke in Slaughterhouse Five.

Israel?

29 Sep

Oder wird Israel das Ziel unserer Bildungsexkursion sein?

In Israel haben sich die Kommunen Hadera, Tiberias, Emeq HaMaianot, Netanya, Tirat Carmel, Bat-yam, Kiryat-Haim, Jisr e-Zarka bereits auf den Weg gemacht,  Bildungslandschaften zu werden. Als „education cities“ ist ihr Antrieb ein weit gefasstes Verständnis von Bildung, entsprechend der Definition von John Dewey:

„(Aus)Bildung ist keine Vorbereitung für das Leben, es ist das Leben selbst.“

Bildung wird in diesen Gemeinden als unabdingbares Mittel der kommunalen Entwicklung  – und die Gemeinde selbst als das wesentliche Werkzeug des Bildungssystems angesehen.

Um die Selbstverwirklichung  aller Bewohner in der Gemeinde möglich zu machen werden in der „education city“ ihre je gleichen Rechte anerkannt und gefördert. Wenn es gelingt, diese Werte in allen Aspekten des Gemeindelebens  umzusetzen – so die Idee –  wird dies die persönliche, soziale, kommunale und wirtschaftliche Entwicklung beispiellos befördern.

Für mich hat das Anklänge der neuenglischen Gemeindeversammlungen, in der Folge der Kolonialisierung Nordamerikas, als Bürger sich ganz selbstverständlich und demokratisch ihre Gemeinden zueigen gemacht haben.

Eine reichhaltige Quelle für Informationen in englischer Sprache über das „education cities“ Programm findet sich auf der C2city website.

Schweden?

12 Sep

Wird unser Landgang nach Schweden gehen? Etwa nach Bullerbü?

Nur knapp daneben: Nino Vidovic vom Bildungsausschuss der südschwedischen Gemeinde Staffanstorp bemerkt: „Wie die Gesellschaft [in 50 oder 100 Jahren] aussieht und welche Ansprüche dann an den Unterricht gestellt würden, können wir heute nicht wissen.“

In einer Vorlage für den Ausschuss wird die Schule für diese ungewisse Zukunft so beschrieben: „Eine Schule, die die Zukunft ist, hat keine Klassen, keinen Unterricht, keine Stufen, keine Schüler oder Lehrer. Stattdessen ist es ein unerhört komplexes Umfeld, in der Menschen sich mit sich selbst beschäftigen, ihren Ansichten und ihren Ressourcen, um den Tag reicher zu beenden, als man ihn begonnen hat.“

Ausserdem, schreibt der Spiegel am 8. September in seiner online-Ausgabe, „solle die Schule der Zukunft subjektiv sein: Schüler sollten sich selbst überlegen, welches Ziel und welche Bedeutung ihre ganz persönliche Reise habe.“

Findet die Zukunft also in Schweden statt? Wenn auch nicht in Bullerbü?

Ganz so hat es den Anschein, nicht wahr?

Die Alte Zeit aber fährt schwere Geschütze zu ihrer Verteidigung auf. So soll ein nicht namentlich genannter Lehrer gesagt haben: „Es wirkt, als wären wir in der 68er-Zeit, und diejenigen, die das Dokument geschrieben haben, hätten einen Joint geraucht.“ Und der schwedische Bildungsminister Jan Björklund qualifiziert die Diskussionsgrundlage für den Bildungsausschuss ab als „eines der sinnlosesten Dokumente“, das er je über Schulen gelesen hat.

Die email-Adresse der Gemeinde Staffanstorp ist kommunen@staffanstorp.se. Pioniere brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können.

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